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Der 17–jährige Christian denkt über sich und sein Leben nach. Er berichtet über seiner Kindheit, über die Menschen, die ihm viel bedeuten und darüber wie er sich sein weiteres Leben vorstellt, wovor er Angst hat und warum er seinem Teufelskreis nicht entkommen wird. Zum Schluss des Interviews erwartet Sie ein spannender Höhepunkt.

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008

Volksfest

„Einen Tag später ging das Volksfest in der Stadt los. Ich war voll mit Drogen. Mein Freund, Serkan, und ich tranken etliche Maß Bier. Gegen Mitternacht trennten sich unsere Wege. Ich wollte nach Hause, als mir einige Leute entgegenkamen. Unter ihnen war der Typ vom Skater-Shop, dem ich ein paar Tage zuvor einige Schläge verpasst hatte. Ich dachte mir nichts weiter und lief an ihnen vorbei. Plötzlich rief der Typ laut, dass ich ihn geschlagen hätte. Die anderen kamen auf mich zu und verprügelten mich. Ich hatte keine Chance. Mit einer blutenden Nase lag ich am Boden. Ein älterer Mann half mir und fragte mich, ob er den Notdienst rufen solle. Ich lief zurück zum Volksfest und in das Bierzelt, wo die Truppe hingegangen war. Blind schlug ich auf den ersten ein, bis mich der Türsteher rauszog und die Polizei verständigte.

Wutlauf

Die Nacht verbrachte ich in der Arrestzelle der Polizei. Am nächsten Tag war ich mit der Auflage entlassen worden, das Volksfest nicht mehr zu betreten. Als erstes konsumierte ich Heroin. Anschließend organisierte ich ein paar Kollegen, um die Typen von gestern fertigzumachen. Wir gingen alle zusammen auf das Volksfest. Ich nahm mein Springmesser mit. Irgendwann trafen wir unsere Gegner. Wir warteten auf sie vor dem Bierzelt. Ich hatte die ganze Zeit das Bild im Kopf, wie klein der Typ im Skater-Shop war und wie groß er sich fühlte, als sie mich gemeinsam fertig machten. Als die Truppe das Zelt verließ, lief ich hinter dem Typen her. Ich schlug auf ihn ein und stach ihm mit dem Messer in den Hals und in die Achsel. Seine Freunde holten die Polizei und den Notarzt. Ich wurde festgenommen. Der Typ überlebte – zum Glück!

Nun sitze ich seit zwei Jahren meine Strafe von vier Jahren und zwei Monaten ab. Mit meiner Freundin bin ich mittlerweile wieder zusammen. Ich will richtig „clean“ werden und bleiben, denn nur so hat mein Leben einen Sinn.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009

In der Reportage berichtet Christian Engert, Leitender Regierungsdirektor, Katharina Mausfeld, ehem. Anstaltspsychologin und Ellen M. Zitzmann, Gründerin und Vereinsvorsitzende, über die praktischen (Aus-)Wirkungen und Ansatzpunkte der Anti-Gewalt-Trainings an der JVA Bernau am Chiemsee in Zusammenarbeit mit dem Verein Power for Peace. Darüber hinaus hören Sie live verschiedene Kommentare von den Gefängnisinsassen selbst. 

Produktion: Bayerischer Rundfunk, 2005
(c) Power for Peace e. V. München, 2005

Eifersucht und Beziehungsstress

„Christina berichtete mir, dass sie ein Typ belästigte. Den Typen kannte ich, und ich wollte ihn fertigmachen. Ich bin am nächsten Tag mit meinem besten Freund in den Skater-Shop gegangen, wo dieser Typ arbeitete. Ich prügelte auf ihn ein und gab ihm zu verstehen, dass er Christina in Ruhe lassen soll. Damit war er einverstanden. Wir reichten uns die Hand.

Ein paar Tage später stritten Christina und ich wegen einer Porno-DVD, die sie bei mir gefunden hatte. Mir ging es an diesem Tag echt dreckig. Sie verstand meinen Zustand leider nicht und schrie die ganze Zeit herum, bis ich ihr eine Ohrfeige verpasste. Sie fiel auf den Boden. Ich entschuldigte mich. Sie trat mit ihren Füßen gegen mich, was mich sehr wütend machte, sodass ich noch ein paar Mal auf sie einschlug. Sie lief raus. Mir war klar, dass damit unsere Beziehung beendet war. Mein Kopf war kaputt. Es tat mir wirklich sehr leid. Auf meine Anrufe reagierte sie nicht. Ich betäubte mich noch mehr mit Heroin und Alkohol.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009


„Man kann einen Heroin-Entzug schwer beschreiben, aber ich fühlte mich, als würde ich sterben. Ich schwitzte und fixte gleichzeitig. Der Schweiß war eiskalt. Der Rücken schmerzte grauenvoll. Die Beine waren schwer wie Blei. Ich musste mich ständig übergeben.

Der Teufelskreis fing bei jedem Entzug wieder von vorne an. Dazu kam, dass ich ständig Stoff verkaufen musste, damit ich Stoff kaufen konnte. Christina konnte mich nicht davon abbringen. Sie fing an, meine Abhängigkeit zu tolerieren. Ich war scham-los. Spritzte Heroin direkt vor ihren Augen. Christina litt und ertrug meine Situation. Außerdem war ich viel, viel netter und lieber zu ihr, wenn ich auf Heroin war. Manchmal gab sie mir sogar Geld, damit ich mir Stoff kaufen konnte.

Ich ging wieder auf Entzug, bin nach zwei Tagen wieder abgehauen. Der Teufels-kreis begann erneut. Obwohl ich ein Junkie war, kleidete ich mich immer gut. Viele erkannten nicht, was mit mir los war. Irgendwann bin ich dann in ein Substitutions-programm gegangen. Ich bekam jeden Tag mein Methadon und später mein „Subu Tex.“ Doch ich verkaufte dieses Zeug, um an Heroin zu kommen. Meine Drogen- und Alkoholabhängigkeit machte mich aggressiv. In Discos war ich immer wieder in Schlägereien verwickelt. Ich machte eine Drogenlangzeittherapie. Dort wurde ich wegen weiteren Rückfällen und Schlägereien frühzeitig entlassen. Natürlich war ich sofort wieder auf Heroin.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009


„Christina sah bald die Einstiche an meinen Armen. Sie war total geschockt und fertig. Sie flehte mich an, aufzuhören. Ich lief nur noch mit langärmeligen Hemden herum. Meine zerstochenen Arme sollte niemand bemerken. Meine Eltern schöpften Verdacht. Es fehlten ständig Löffel. Ich sah immer kaputter aus. Sie ließen mich in Ruhe. Ich denke, sie wollten es nicht wahrhaben, dass ihr Sohn ein „Junkie“ war.

Die Polizei kam wieder ins Haus. Sie stellten mein Zimmer auf den Kopf. Sie fanden zwar kein Heroin, aber genügend Spritzen. Meinen geschockten Eltern versprach ich, eine Entziehungskur zu machen. Dort wurde ich langsam herunterdosiert. Mein Chef hatte Verständnis. Nach drei Wochen war mein Körper komplett „clean“. Im Kopf war ich immer noch total „geil“ auf Heroin. Am Tag meiner Entlassung setzte ich mir den ersten Schuss. Ich  war sofort wieder auf der Droge.

 Es verschlimmerte sich alles. Ich brauchte immer mehr. Zum erstenmal war ich richtig krass „affig“.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009

Cliff, 18, berichtet aus seinem Leben, über seine Konflikte mit seinem Vater, seine zahlreichen Heim- und Pflegeunterbringungen. Er denkt über seine Entgleisungen unter Alkohol- und Drogeneinfluss nach, über Anti-Gewalt-Trainings, aber auch über die Psychiatrie und das Jugendamt. Wie er sich sein zukünftiges Leben vorstellt und seinem Kind ein guter Vater sein will, erfahren Sie in diesem Interview.

 

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008


„Mit 15 fälschte ich meinen Schülerausweis. Ich wollte in die Diskos reinkommen. Dort hatte ich dann das erste Mal mit Ecstasy zu tun. Davon war ich einfach begeistert.Jedes Wochenende ging ich in den Club. Dort habe ich „XTC“ geschmissen und saufen gelernt! Alkohol und „XTC“ war unbe.-schreiblich geil. Das „Kiffen“ langweilte mich.

Mein Körper schüttete so viele Glücksgefühle aus. In der Schule war schlecht drauf war. Obwohl ich so gut wie immer unter Drogen stand, schaffte ich zum Glück meinen Hauptschulabschluss. Ich bekam eine Lehrstelle als Elektriker. Meine Arbeitsleistungen wurden zunehmend schlechter. Mein Chef war früher selbst alkoholabhängig. Ich glaube, das war der einzige Grund, warum er mich nicht auf die Straße setzte. Alle wussten, dass ich ein „Junkie“ bin. Ich selbst wollte es nicht wissen. Ich verdrängte meine Situation.

Ich lernte die wunderschöne Christina kennen. Sie wusste zwar, dass ich Drogen nahm, aber sie nahm mich so wie ich war. Christina nahm keine Drogen. Sie machte gerade ihr Abitur. Es ließ alles gut. Außer, dass wir beide sehr eifersüchtig waren.

Wir waren beide besitzergreifend. Diese Haltung führte zu Streitereien.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009


„In der 8. Klasse rief der Direktor der Schule wieder bei meinen Eltern an. Er empfahl ihnen, in meinem Zimmer nach Drogen zu suchen. Als ich nach Hause kam, schmiss mir meine Mutter das Zeug entgegen. Erst schrie sie mich total an. Dann war sie einfach nur verzweifelt. Sie erkannte, dass ihr Sohn süchtig war. Ganz ehrlich, das war mir scheissegal. Mich interessierte nur, wie schnell ich an neuen Stoff kommen konnte.

Meine Eltern machten sich natürlich Sorgen. Sie klärten mich über die Gefahren auf. Ihre Belehrungen gingen echt an mir vorbei. Für mich zählten nur, meine Freunde, dass ich der „Coolste“ war, dass Mädchen auf mich stehen und dass ich genug zu „kiffen“ hatte.

Immer öfters erwischte mich die Polizei. Sie fanden „Dope“. Ich kassierte eine Jugendarreststrafe und verbüßte sie an den Wochenenden.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009

„Ich wurde in einer Kleinstadt geboren. Ich bin in einer ganz normalen Familie aufgewachsen. Mein Vater arbeitet in einem großen Autohaus. Meine Mutter in einer Bäckerei.

 Mit 11 Jahren fing ich zu rauchen an. „Gekifft“ habe ich mit 13 Jahren mit einem älteren Cousin. Ich „kiffte“ immer öfters und fing an, mir eigene „Dope-Connections“ aufzubauen.

 In der 5. Klasse bekam ich immer öfters Stress mit den Lehrern. Der Stress zuhause begann, wegen der Mitteilungen und Verweise. Meine Noten waren relativ gut und so hielt sich der Ärger in Grenzen.

 Ich war der „Coolste“ sein und habe mir von niemandem etwas sagen lassen. Der Stress wurde immer größer. Ich „kiffte“ regelmäßig und war auf dem „Gangster-Rap-Trip“.

 Meine Gier nach Anerkennung war groß. Ich verhielt mich scheußlich. Ich verkaufte der Schule Haschisch in der Schule. Damit machte ich zwar kein Geld, aber ich hatte genug zu „kiffen“ und das war mir viel wert.

Ich „kiffte“ vor Schulbeginn und in den Pausen. Mit der Zeit war mir irgendwie alles scheissegal. Die Lehrer merkten, dass ich immer total „prall“ war.”


Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, Change Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009