Willkommen auf » Ärger und Wut

Alex H., 18, berichtet über seine Haftzeit und wie er diese nutzt, um sich auf das Leben draußen und ein Leben ohne Gewalt vorzubereiten. Er erzählt von Beziehungen, der Vergangenheit, von (Lebens-)Zielen, Wünschen und Hoffnungen. Er denkt über das intensive Trainingsprogramm CHANGE nach, seinen Höhen und Tiefen. Alex hat durchgehalten. Prima!

 

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Kompetenzprogramms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008

Volksfest

„Einen Tag später ging das Volksfest in der Stadt los. Ich war voll mit Drogen. Mein Freund, Serkan, und ich tranken etliche Maß Bier. Gegen Mitternacht trennten sich unsere Wege. Ich wollte nach Hause, als mir einige Leute entgegenkamen. Unter ihnen war der Typ vom Skater-Shop, dem ich ein paar Tage zuvor einige Schläge verpasst hatte. Ich dachte mir nichts weiter und lief an ihnen vorbei. Plötzlich rief der Typ laut, dass ich ihn geschlagen hätte. Die anderen kamen auf mich zu und verprügelten mich. Ich hatte keine Chance. Mit einer blutenden Nase lag ich am Boden. Ein älterer Mann half mir und fragte mich, ob er den Notdienst rufen solle. Ich lief zurück zum Volksfest und in das Bierzelt, wo die Truppe hingegangen war. Blind schlug ich auf den ersten ein, bis mich der Türsteher rauszog und die Polizei verständigte.

Wutlauf

Die Nacht verbrachte ich in der Arrestzelle der Polizei. Am nächsten Tag war ich mit der Auflage entlassen worden, das Volksfest nicht mehr zu betreten. Als erstes konsumierte ich Heroin. Anschließend organisierte ich ein paar Kollegen, um die Typen von gestern fertigzumachen. Wir gingen alle zusammen auf das Volksfest. Ich nahm mein Springmesser mit. Irgendwann trafen wir unsere Gegner. Wir warteten auf sie vor dem Bierzelt. Ich hatte die ganze Zeit das Bild im Kopf, wie klein der Typ im Skater-Shop war und wie groß er sich fühlte, als sie mich gemeinsam fertig machten. Als die Truppe das Zelt verließ, lief ich hinter dem Typen her. Ich schlug auf ihn ein und stach ihm mit dem Messer in den Hals und in die Achsel. Seine Freunde holten die Polizei und den Notarzt. Ich wurde festgenommen. Der Typ überlebte – zum Glück!

Nun sitze ich seit zwei Jahren meine Strafe von vier Jahren und zwei Monaten ab. Mit meiner Freundin bin ich mittlerweile wieder zusammen. Ich will richtig „clean“ werden und bleiben, denn nur so hat mein Leben einen Sinn.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009

Eifersucht und Beziehungsstress

„Christina berichtete mir, dass sie ein Typ belästigte. Den Typen kannte ich, und ich wollte ihn fertigmachen. Ich bin am nächsten Tag mit meinem besten Freund in den Skater-Shop gegangen, wo dieser Typ arbeitete. Ich prügelte auf ihn ein und gab ihm zu verstehen, dass er Christina in Ruhe lassen soll. Damit war er einverstanden. Wir reichten uns die Hand.

Ein paar Tage später stritten Christina und ich wegen einer Porno-DVD, die sie bei mir gefunden hatte. Mir ging es an diesem Tag echt dreckig. Sie verstand meinen Zustand leider nicht und schrie die ganze Zeit herum, bis ich ihr eine Ohrfeige verpasste. Sie fiel auf den Boden. Ich entschuldigte mich. Sie trat mit ihren Füßen gegen mich, was mich sehr wütend machte, sodass ich noch ein paar Mal auf sie einschlug. Sie lief raus. Mir war klar, dass damit unsere Beziehung beendet war. Mein Kopf war kaputt. Es tat mir wirklich sehr leid. Auf meine Anrufe reagierte sie nicht. Ich betäubte mich noch mehr mit Heroin und Alkohol.”

 

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009

 

Die Zeitungen sind täglich voll mit Nachrichten über Gewalt. Gewalt begegnet uns auf Schritt und Tritt: in der Schule, auf der Straße, in der Freizeit, bei der Arbeit, in der S-Bahn, auch im eigenen Heim. 

Gewalt richtet sich gegen Menschen und Sachen. Viele beklagen, dass die Gewalt ständig anwächst und Gewalttätigkeiten immer brutaler werden.

 Auf den ersten Blick …

… reicht die körperliche Gewalt von brennenden Wangen nach Ohrfeigen über gebrochene Knochen bis zu lebensgefährlichen Verletzungen. Dabei handelt es sich um eine Tat, die zu körperlichen Schädigungen bei anderen führt.

Auf den zweiten Blick …

… ergeben sich Fragen: Ist jede Ohrfeige Ausdruck von körperlicher Gewalt? Kann von Gewalt gesprochen werden, wenn zum Beispiel ein betrunkener Mann daran gehindert wird, Auto zu fahren und der Helfer oder die Helferin von ihm eine Ohrfeige kassiert?

Denke über die beiden Stellungnahmen nach. Schreibe uns deinen Kommentar.

 
  Meine Meinung über Gewalt ...

 

 

Welche Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hast du schon gemacht?


Inzwischen zog Tom zu seinem Vater, weil die Mutter einfach nicht mehr mit ihm, trotz der bereits 15 stattgefundenen Beratungstermine, zurechtkam. Nun beteiligte sich auch der Vater an der Erziehungsberatung.

Der erste Beratungstermin, der mit der kompletten Familie stattfinden sollte, war nun der Auslöser für die verhängnisvollen Folgen. Es ging dabei darum, bei welchem Elternteil Tom in Zukunft leben soll. Diese Auseinandersetzung konnte er so sehr nicht ertragen, dass Tom das Treffen verließ, seine Sachen packte und abhauen wollte, um im „deutschen Osten“ ein neues Leben ohne seine Eltern zu beginnen.

Weil aber der gewünschte Zug erst spät in der Nacht ging, verabredete er sich noch mit einem Kumpel. Beide tranken ziemlich viel Bier, dröhnten sich den Kopf mit rechtsradikalen Liedern voll und beschlossen, ein nahe gelegenes Asylantenheim abzufackeln. Die notwendigen Utensilien wie Benzin, Flaschen und Lunten hatte man sich bei früherer Gelegenheit schon besorgt. Ganz spontan konnten sie also nun loslegen und zur Tat schreiten.

Nachts um 2 Uhr fuhren sie zu diesem Heim und bewarfen es mit vier benzingefüllten und entzündeten Flaschen. Tom betrat den Hausflur und verschüttete dort zusätzlich Benzin.  Nachdem er das Haus verlassen hatte warfen beide gemeinsam die Molotow-Cocktails in den Hausgang und durch geöffnete Fenster. Große Teile des Gebäudes standen sofort in Flammen. Den beiden Tätern war bewusst, dass sich zu dieser Zeit eine Vielzahl von Menschen schlafend aufhielten.

 

Glücklicherweise konnten sich aber alle 18 Personen vor den Flammen retten, so dass es zu keinen nennenswerten Verletzungen kam. Nachdem die Ermittlungen abgeschlossen waren und die beiden Täter einige Monate in Untersuchungshaft verbracht hatten, wurden beide zu jeweils 6 Jahren Jugendstrafe verurteilt.

“Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” (Max Frisch)

Denn dann bietet sie die Möglichkeit, sich bewußt Veränderungen zu öffnen und neue Herausforderungen anzunehmen. Das Leben verläuft in Wellenbewegungen: Nach jedem Tief, nach jeder Krise, kommen immer wieder bessere, gute Zeiten.

Artikel vom 11.3.2009, Teil 2

Das Wort „AMOK” kommt von malaischmeng-àmok und bedeutet, in blinder Wut angreifen und töten. Es ist ein Zustand heftiger, rasender und wütender Gemütserregung mit Panik und aggressiver Angriffs- und Mordlust.

Amok laufen heißt, in einem Zustand krankhafter Verwirrung mordend umherlaufen. Es gibt Amokfahrer, Amokläufer und Amokschützen.

Ist es aufgestaute Wut, brutale Machtausübung, menschenverachtendes Videomaterial oder sind es psychische Störungen und Erkrankungen wie Schizophrenie, krankhafter Narzissmus? Die Gründe sind komplex und es sind immer individuelle Lebensgeschichten, die es aufzuarbeiten und zu ergründen gilt.

Aufgestaute Wut:

Wenn wir Enttäuschungen, Ängste, Eifersucht, Neid nicht rechtzeitig verarbeiten, sondern sie in uns aufstauen, zuweilen über Jahre hinweg, erhöht sich der innere Druck solange, bis wir dem Stress nicht mehr gewachsen sind. In diesem Zustand wird das Reptiliengehirn mit seinen niedrigen, tierischen Instinkten aktiv. Der körperliche Zustand verändert sich: Blut fließt in die großen Muskelgruppen zur Vorbereitung auf den Überlebensmechanismus „Flucht, Kampf, Schockstarre”. In dieser Extremsituation steigt der Adrenalinspiegel, der Herzschlag erhöht sich, der Blutdruck steigt. Wir atmen schneller und unsere Muskeln sind zu außerordentlichen Leistungen bereit. Der ganze ganze Körper ist auf Aktion ausgerichtet und verabreicht uns hohe Dosen von Stresshormonen. In diesem Tunnel gefangen, kommt es zu blinden, kopflosen, oft gefährlichen Handlungen.

 

Ellen M. Zitzmann, Vorsitzende, Power for Peace München

Die schlechte Nachricht über Gefühle und Emotionen!

Wenn sich Ärger ,Wut, Eifersucht oder Neid aufstauen, dann werden sich diese Gefühle und Emotionen eines Tages sehr negativ auswirken.

Ärger ist ein Gefühl von starkem Unwohlsein, das durch Verletzungen und Provokationen von anderen verursacht wird. Ärger zeigt sich besonders extrem, wenn wir von Familienmitgliedern, engen Freunden oder uns nahestehenden Menschen verletzt und missachtet werden.

Hinter Ärger verbirgt sich häufig ein Gefühl der Rache.

Wut und Ärger sind sekundäre Emotionen. Sie treten auf, weil sie von einem vorausgegangenen Gefühl oder einer anderen Emotion wie Angst, Traurigkeit oder Enttäuschung verursacht sind. Wut und Ärger nehmen im Verlauf zu!

Es werden vier Ärger- und Wutstufen unterschieden:

1. Niedrig: Menschen sind irritiert, genervt, betroffen!

2. Gemäßigt: Verärgert, auf die Palme gebracht, aufgeregt!

3. Hoch: Gewalttätig, aufgebracht, fuchsteufelswild!

4. Äußerst hoch: Rasend, wahnsinnig, gefährlich, mörderisch.

Diskutieren Sie mit uns, Ihrer Familie und Freunden über Ihre derzeitige Ärger- bzw. Wutstufe, wie Sie sich fühlen und was Sie unternehmen, damit sich Ihre Wut nicht verschlimmert?

Morgen erfahren Sie etwas zum Thema „Frusttopf”.

 

Ellen M. Zitzmann, Vorsitzende Power for Peace

In dem Rollenspiel „Verrückte Krieger” spielen Strafgefangene eine reale Konfliktsituation nach. Mit vertauschten Rollen führen sie einen Mobbing-Vorfall in einem Anti-Gewalt-Training auf, rekonstruieren den Konfliktverlauf und besprechen konstruktive Konfliktlösungen. Der Autor berichtet anschließend über seine Rolle in diesem Konflikt und welche Maßnahmen ihm geholfen haben, den Konflikt zum Guten zu bewältigen.

Autor und Regisseur: Alexander Rohde
(c) Power for Peace e. V. München, 2009

“Wenn Du jetzt nicht sofort den Mund hältst, dann werde’ ich ihn dir stopfen!”

“Vergiss deine Wünsche. Die kannst du dir sowieso nie erfüllen.”

“Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!”

Freundlich, friedlich und tolerant miteinander kommunizieren hört sich in der Theorie immer super an. Tatsächlich schreien wir andere oft an, wir kämpfen mit ihnen, beschimpfen, beleidigen, schikanieren oder sprechen hinter ihrem Rücken über sie.

Was für Erfahrungen hast du gemacht?
Was kannst du für ein besseres Miteinander tun?

Schreibe uns deine Erfahrungen und tausche dich mit anderen aus.

Informationen!
Dein Mentor hilft dir dabei, besser zu kommunizieren.