sagt ein afrikanisches Sprichwort.
Während des 100-stündigen Trainings CHANGE!, das von März bis Juni 2009, an der JVA Laufen-Lebenau stattgefunden hat, hat jeder einzelne jugendliche Teilnehmer die Einsicht gewonnen, dass, wenn sich negative Verhaltensweisen nicht verändern, sich das Leben auch nicht verbessert.
In den vielen Stunden haben wir alle erfahren, dass Sucht, egal welche, und Gewalt Sackgassen in unserem Leben sind, aus denen wir nur herauskommen, wenn wir die Kraft und den Mut aufbringen, innezuhalten, nachzudenken und einen anderen Weg einzuschlagen. Klar, dass das keine einfache Aufgabe ist und wir werden sicher auch Rückschläge einstecken müssen, aber wir wissen auch, dass auch der längste Weg mit kleinen Schritten anfängt und mit jedem Erfolg, den wir uns erarbeiten, wächst unser Selbstvertrauen, weiterzugehen und einen neuen Anfang zu wagen.
In den 4 Change!-Trainings und den Arbeitsgruppen haben wir nicht nur eine Menge gelernt, sondern sind auch zu einer tollen Gruppe und Gemeinschaft zusammengewachsen.
Die Gruppe ging im letzten gemeinsamen Kurs am 21. Juni in einer Abschiedsstimmung aus Wehmut, aber auch mit Zuversicht und festem Willen, in ein neues Leben aufzubrechen, auseinander.
Clemens Abert, Berufsschullehrer und leitender Trainer
Sucht kann entstehen, wenn wir in Ersatzmittel flüchten, statt unsere Probleme zu lösen!
Die Treppe zur Sucht:

Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009
Die beschriebenen Risikofaktoren in den vorhergehenden Artikeln heißen nicht, dass Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien und alle anderen Betroffenen das unabwendbare Schicksal erfahren, selbst suchtkrank und / oder verhaltensauffällig zu werden.
Prävention und konkrete Hilfen sind frühzeitig einzusetzen.
1. Aufklärung über Risikofaktoren und Gefährdungen
Ohne Wissen haben präventive Maßnahmen und intervenierende Aktionen keine ausreichende Substanz.
2. Betroffene Kinder und Jugendliche wahrnehmen, d. h. sie über typische Rollenmuster informieren und ihnen die Erlaubnis erteilen, Kritik zu äußern und über Kritisches zu berichten. Offenheit gegenüber allem, was die Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf ihre persönliche Geschichte mitbringen.
3. Selbstwert stärken
Du bist jemand und du bist viel wert! Alles stärken was in Richtung „Selber Leben“ geht: „Etwas Positives, das du selbst geschaffen hast, macht dich glücklicher / zufriedener als jeder Rausch! Und wenn du etwas Schlechtes erfolgreich und ohne „chemische Krücke“ ertragen hast, dann kannst du mit Recht auf dich stolz sein!“
4. Unterstützung bei der Lebensbewältigung
Hilfe bei der Aufarbeitung von Entwicklungsdefiziten. Erweiterung der Bewältigungsmöglichkeiten durch vielfältige Angebote. Erweiterung der eigenen Kompetenzen und des Blickwinkels. Heraustreten aus der „Komfortzone“ der Co-Abhängigkeit.
5. Zur Sucht-Vorbeugung gehören
· Erkennen eigener Stärken und Schwächen
· Konstruktiver Umgang mit Konfliktsituationen
· Aufbau einer Kommunikations- und Streitkultur
· ICH-Stabilität
· Freude am Leben / Lebensbalance
Kinder aus Alkoholiker-Familien
Risiken für co-abhängige Kinder und Jugendliche
· Sie sind sehr stark gefordert, oft überfordert: Geschwister müssen versorgt, die Mutter / der Vater getröstet werden.
· Zuhause herrscht ein Klima der „angespannten Ruhe“. Streitereien und Peinlichkeiten werden erlebt.
· Gefühle von Sicherheit, Zuverlässigkeit und Geborgenheit gehen verloren.
· Die Sucht des Elternteils besetzt einen derart großen Raum, dass für kaum etwas anderes Platz bleibt.
· Ängste und Verwirrtheiten vergrößern sich im Laufe der Zeit.
· Der co-abhängige Elternteil ist durch die Krankheit und die Veränderung des (Ehe-)Partners verunsichert, verwirrt und überfordert. Er / Sie kann die Balance der Familie nicht sichern.
Kinder und Jugendliche entwickeln in diesem System Entwicklungs- und Bindungsstörungen, ihre Identitätsfindung ist erschwert:
· Sie tun sich schwer mit mitmenschlichen Beziehungen. Tendieren dazu, sich zu isolieren.
· Sie stehen im Wiederholungszwang und suchen sich Umfelder und / oder Partner, in denen Alkohol konsumiert wird oder es bereits Alkohol-Probleme gibt.
· Sie erleiden Beeinträchtigungen in Schule, Beruf, Freund- und Partnerschaften.
· Sie haben ein erhöhtes Suchtrisiko.
Rollen bzw. Überlebensstrategien von Kindern und Jugendlichen
Es gibt typische und oft eingenommene Rollen von Kindern / Jugendlichen und den betroffenen Familienmitgliedern. Die Aufklärung hierüber ist eine Grundbedingung für das „In-Gang-Setzen“ des Heilungs- und Gesundungsprozesses.
1. Held / Heldin oder „die kleine „Mutter / der kleine Vater“
Tut immer das Richtige, leistungsorientiert, überverantwortlich. Braucht Zustimmung und Anerkennung von anderen. Kann keinen Spaß empfinden. Kann Fehler und Misserfolg nicht ertragen …
Kompetent, organisiert, erfolgreich, verantwortungsbewusst, gut in Leistungspositionen, zielbewusst …
Gefühlsleben: Schmerz- und Schuldgefühle. Fühlt sich unzulänglich. Furcht, dass sie /er niemals genügen kann.
Vorteile: Positive Aufmerksamkeit. Versorgt die Familie mit Selbstwert. Ist das Kind, worauf die Familie stolz ist.
Entwicklung: Workaholic. Starkes Bedürfnis zu kontrollieren und zu manipulieren. Kann nicht Nein sagen. Tendenz, sich mit (sucht-)abhängigen Partnern zu verbinden.
2. Sündenbock
Zurückgezogen, verdrossen, macht Ärger auf der ganzen Linie … Mutig, kann unter Belastung arbeiten. Erkennt Realität und geht Risiken ein …
Gefühlsleben: Schmerzgefühl zurückgewiesen und verlassen zu sein. Wut und Aggressivität. Fühlt sich unzulänglich. Selbstwertprobleme.
Vorteile: Steht im Zentrum der negativen Aufmerksamkeit. Lenkt ab von suchtkrankem Elternteil.
Entwicklung: Suchtkrankheit, Delinquenz, Teenager-Schwangerschaft, Schwierigkeiten überall.
3. Verlorenes Kind
Einzelgänger/in, Tagträumer/in, einsam. Belohnt sich auch allein z. B. mit Essen. „Driftet und schwimmt“ durchs Leben“. Ruhig, scheu, wird übersehen und nicht vermisst …
Unabhängig von der Meinung anderer, kreativ, phantasievoll, erfinderisch, kann sich behaupten …
Gefühlsleben: Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Darf keine Gefühle haben. Einsamkeit. Verlassenheit. Gibt sich von vorneherein geschlagen.
Vorteile: Entkommt jeglicher Aufmerksamkeit. Hat seine Ruhe: „Wenigstens ein Kind, das keine Schwierigkeiten macht“.
Entwicklung: Unentschiedenheit, keine Lebensfreude, Beziehungsstörungen: Promiskuität oder Isolation. Kann nicht Nein sagen. Kann keine Veränderungen eingehen.
4. Maskottchen
Übermäßig niedlich, still, nett, unreif, ängstlich. Tut alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Witzig, geistreich, humorvoll, einfühlsam und hilfsbereit …
Gefühlsleben: Selbstwertprobleme. Angst. Gefühl der Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit
Vorteile: Erhält Aufmerksamkeit, weil es andere amüsiert. Schafft mit Komik Erleichterung und Entspannung.
Entwicklung: Zwanghafte Clownerien, kann Stress nicht ertragen. Hysterisch. Sucht Held / Heldin als Partner/in.
(Co-)Alkoholismus und Kinder aus Alkoholikerfamilien
Co-Abhängigkeit oder Co-Alkolholism
Co-Abhängige verhalten sich im Umgang mit anderen Menschen zunehmend „komischer“, weil sie in enger Beziehung zu einem (Alkohol-)Süchtigen / einer (Alkohol-)Süchtigen stehen. Sie bleiben bemerkenswert lange in ihrer Rolle, selbst wenn sich der eigene Verfall und Zusammenbruch schon klar abzeichnet.
Co-Abhängige gehen durch drei Phasen:
1. Beschützer- und Erklärungsphase:
Es wird nicht darüber gesprochen, was in der Familie vor sich geht. Weder reden die Familienmitglieder untereinander, noch spricht man sich mit Außenstehenden aus. In der Familie herrscht das Klima des „beredten Schweigens“, worunter der alkoholkranke Mensch leidet. Seine Schuld- und Schamgefühle nehmen zu.
2. Kontrollphase:
Die Versuche, zu erklären und zu beschützen erfahren Grenzen oder brechen zusammen. In der Familie / Gemeinschaft herrscht ein stummer Kampf um „die Flasche“. In dieser Phase erfährt der Alkoholiker / die Alkoholikerin seine / ihre Unselbstständigkeit. Der Alkoholkonsum wird gesteigert.
3. Anklagephase:
Vorwürfe und Schuldzuweisungen an den „saufenden Sündenbock“ nehmen zu. Co- Abhängige nehmen in diesem Prozess Schaden. Das allzulange Ausharren und „Nicht-an-sich-selbst-denken“ ermöglicht es dem Trinker / der Trinkerin weiterzutrinken.
Der (Ehe-)Partner / Die (Ehe-)Partnerin
Die Ehepartner von alkoholabhängigen Menschen sind in einer sehr schwierigen und angespannten Situation. In allen Fällen, in denen keine schnelle Trennung erfolgte, tritt ein zunehmend co-alkoholisches Verhalten auf, das sich mit den Jahren verfestigt. Hilfen sind:
· Informationen über Alkoholismus
· Räumliche Trennung (temporärer Hinauswurf des Kranken aus der Wohnung, räumliche Trennung innerhalb der Wohnung, innere Distanz)
· Professionelle Beratung: Seelenschmerz loswerden, authentisch und ehrlich!
Teil 4 erscheint am 25.5.2009
Zur Situation des Alkoholikers
Er / Sie wird im Krankheitsverlauf zu einem einsamen Menschen. Nach und nach entsteht ein immer größerer Abstand zu den Mitmenschen, weil weder Zeit noch Lust vorhanden sind, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen. Der Abhängige weiß häufig, dass er sich hier oder dort daneben be-nommen und „dummes Zeug“ geredet hat. Infolgedessen wird er / sie zukünftigen Konfliktsituationen aus dem Weg gehen. Eine Isolation entsteht in diesem Kreislauf praktisch immer, auch deswegen, da Alkoholiker dazu neigen, ihre Krankheit zu vertuschen.
Sucht-Krankheit
Jede „Sucht“ benötigt einige Jahre, bis sich erhebliche Verhaltensdefizite zeigen. So leben viele Alkoholiker immer noch in Familien, die meist in „besseren Zeiten“ gegründet worden sind. Die Ehen und Familien bleiben häufig erstaunlich lange (nach außen hin) stabil. Grund hierfür ist, dass der gesunde (Ehe-)Partner die Ehe und Familie sehr lange aufrecht zu erhalten versucht. Er / Sie versucht dem alkoholkranken Partner auf ungeeignete Weise zu helfen, in dem er / sie den Kranken zu schützen und zu decken versucht.
In diesem Prozess nehmen alle Betroffenen seelischen und körperlichen Schaden.
SUCHT beinhaltet das Suchen und die Sehnsucht nach einem erfüllten und sinnvollen Leben. Es ist ein Siechtum oder ein „Suizid auf Raten“.
Genetische und soziale Faktoren (Herkunftsfamilie, falsche Lernerfahrungen) spielen eine Rolle. Darüber hinaus das Alter, nicht-bewältigte Krisen (Eltern-Kind-Konflikte, Partnerschaftsprobleme), labile Psyche (sexuelle Ängste, Depressionen, Schwierigkeiten mit Gefühlen umzugehen), Kommunikationsprobleme, Geschlecht (Männer sind gefährdeter als Frauen).
Persönliches Ziel des Süchtigen:
Zustand zufriedener Abstinenz und ein erfülltes, sinnvolles Leben.
Teil 3 erscheint am 20.5.2009
Wenn ein Vater / eine Mutter alkoholkrank ist, sind davon sowohl der / die (Ehe-)Partner/in, die Kinder als auch Verwandte, Kollegen, Freunde betroffen. Betroffen, weil sie in dem System Verhaltensmuster annehmen bzw. übernehmen, die dem Bereich „krankhaft“ zuzuordnen sind. Je länger Menschen in einem „kranken System“ verfangen sind, desto tiefere Schäden können sie davontragen.
Deshalb haben alle Betroffenen, vor allen Dingen Kinder und Jugendliche, ein Recht darauf, sachlich korrekt über Risiken und Gefahren von Suchtmitteln und über individuelle Gefährdungen aufgeklärt zu werden. Denn präventive Maßnahmen haben ohne Wissen über Gefahren / Risiken weder Sinn noch Wirkung!
Kinder und Jugendliche sind Opfer in mehrfacher Hinsicht:
1. Sie erhalten keine Informationen über eventuelle Folgeschädigungen und verhalten sich so, dass sich der Alkoholiker / die Alkoholikerin nicht verändert.
2. Sie sind körperlich unterlegen und rechtlich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt.
3. Das Thema Alkohol / Alkoholismus wird innerhalb der Familie tabuisiert.
4. Kinder erhalten keine Informationen über hilfreiches Verhalten.
5. Sie haben Hemmungen, sich anderen Menschen anzuvertrauen.
6. Sie werden mit (Ehe-)Problemen ihrer Eltern konfrontiert, die sie extrem (über-)belasten.
Teil 2 erscheint am 15.05.09
Der 17–jährige Christian denkt über sich und sein Leben nach. Er berichtet über seiner Kindheit, über die Menschen, die ihm viel bedeuten und darüber wie er sich sein weiteres Leben vorstellt, wovor er Angst hat und warum er seinem Teufelskreis nicht entkommen wird. Zum Schluss des Interviews erwartet Sie ein spannender Höhepunkt.
Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008
(c) Power for Peace e. V. München, 2008
Podcast: Download (11.2MB)
Eifersucht und Beziehungsstress
„Christina berichtete mir, dass sie ein Typ belästigte. Den Typen kannte ich, und ich wollte ihn fertigmachen. Ich bin am nächsten Tag mit meinem besten Freund in den Skater-Shop gegangen, wo dieser Typ arbeitete. Ich prügelte auf ihn ein und gab ihm zu verstehen, dass er Christina in Ruhe lassen soll. Damit war er einverstanden. Wir reichten uns die Hand.
Ein paar Tage später stritten Christina und ich wegen einer Porno-DVD, die sie bei mir gefunden hatte. Mir ging es an diesem Tag echt dreckig. Sie verstand meinen Zustand leider nicht und schrie die ganze Zeit herum, bis ich ihr eine Ohrfeige verpasste. Sie fiel auf den Boden. Ich entschuldigte mich. Sie trat mit ihren Füßen gegen mich, was mich sehr wütend machte, sodass ich noch ein paar Mal auf sie einschlug. Sie lief raus. Mir war klar, dass damit unsere Beziehung beendet war. Mein Kopf war kaputt. Es tat mir wirklich sehr leid. Auf meine Anrufe reagierte sie nicht. Ich betäubte mich noch mehr mit Heroin und Alkohol.”
Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009
„Man kann einen Heroin-Entzug schwer beschreiben, aber ich fühlte mich, als würde ich sterben. Ich schwitzte und fixte gleichzeitig. Der Schweiß war eiskalt. Der Rücken schmerzte grauenvoll. Die Beine waren schwer wie Blei. Ich musste mich ständig übergeben.
Der Teufelskreis fing bei jedem Entzug wieder von vorne an. Dazu kam, dass ich ständig Stoff verkaufen musste, damit ich Stoff kaufen konnte. Christina konnte mich nicht davon abbringen. Sie fing an, meine Abhängigkeit zu tolerieren. Ich war scham-los. Spritzte Heroin direkt vor ihren Augen. Christina litt und ertrug meine Situation. Außerdem war ich viel, viel netter und lieber zu ihr, wenn ich auf Heroin war. Manchmal gab sie mir sogar Geld, damit ich mir Stoff kaufen konnte.
Ich ging wieder auf Entzug, bin nach zwei Tagen wieder abgehauen. Der Teufels-kreis begann erneut. Obwohl ich ein Junkie war, kleidete ich mich immer gut. Viele erkannten nicht, was mit mir los war. Irgendwann bin ich dann in ein Substitutions-programm gegangen. Ich bekam jeden Tag mein Methadon und später mein „Subu Tex.“ Doch ich verkaufte dieses Zeug, um an Heroin zu kommen. Meine Drogen- und Alkoholabhängigkeit machte mich aggressiv. In Discos war ich immer wieder in Schlägereien verwickelt. Ich machte eine Drogenlangzeittherapie. Dort wurde ich wegen weiteren Rückfällen und Schlägereien frühzeitig entlassen. Natürlich war ich sofort wieder auf Heroin.”
Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009



