Alex H., 18, berichtet über seine Haftzeit und wie er diese nutzt, um sich auf das Leben draußen und ein Leben ohne Gewalt vorzubereiten. Er erzählt von Beziehungen, der Vergangenheit, von (Lebens-)Zielen, Wünschen und Hoffnungen. Er denkt über das intensive Trainingsprogramm CHANGE nach, seinen Höhen und Tiefen. Alex hat durchgehalten. Prima!
Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Kompetenzprogramms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008
(c) Power for Peace e. V. München, 2008
Podcast: Download (8.6MB)
Wenn ein Vater / eine Mutter alkoholkrank ist, sind davon sowohl der / die (Ehe-)Partner/in, die Kinder als auch Verwandte, Kollegen, Freunde betroffen. Betroffen, weil sie in dem System Verhaltensmuster annehmen bzw. übernehmen, die dem Bereich „krankhaft“ zuzuordnen sind. Je länger Menschen in einem „kranken System“ verfangen sind, desto tiefere Schäden können sie davontragen.
Deshalb haben alle Betroffenen, vor allen Dingen Kinder und Jugendliche, ein Recht darauf, sachlich korrekt über Risiken und Gefahren von Suchtmitteln und über individuelle Gefährdungen aufgeklärt zu werden. Denn präventive Maßnahmen haben ohne Wissen über Gefahren / Risiken weder Sinn noch Wirkung!
Kinder und Jugendliche sind Opfer in mehrfacher Hinsicht:
1. Sie erhalten keine Informationen über eventuelle Folgeschädigungen und verhalten sich so, dass sich der Alkoholiker / die Alkoholikerin nicht verändert.
2. Sie sind körperlich unterlegen und rechtlich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt.
3. Das Thema Alkohol / Alkoholismus wird innerhalb der Familie tabuisiert.
4. Kinder erhalten keine Informationen über hilfreiches Verhalten.
5. Sie haben Hemmungen, sich anderen Menschen anzuvertrauen.
6. Sie werden mit (Ehe-)Problemen ihrer Eltern konfrontiert, die sie extrem (über-)belasten.
Teil 2 erscheint am 15.05.09
Der 17–jährige Christian denkt über sich und sein Leben nach. Er berichtet über seiner Kindheit, über die Menschen, die ihm viel bedeuten und darüber wie er sich sein weiteres Leben vorstellt, wovor er Angst hat und warum er seinem Teufelskreis nicht entkommen wird. Zum Schluss des Interviews erwartet Sie ein spannender Höhepunkt.
Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008
(c) Power for Peace e. V. München, 2008
Podcast: Download (11.2MB)
In der Reportage berichtet Christian Engert, Leitender Regierungsdirektor, Katharina Mausfeld, ehem. Anstaltspsychologin und Ellen M. Zitzmann, Gründerin und Vereinsvorsitzende, über die praktischen (Aus-)Wirkungen und Ansatzpunkte der Anti-Gewalt-Trainings an der JVA Bernau am Chiemsee in Zusammenarbeit mit dem Verein Power for Peace. Darüber hinaus hören Sie live verschiedene Kommentare von den Gefängnisinsassen selbst.
Produktion: Bayerischer Rundfunk, 2005
(c) Power for Peace e. V. München, 2005
Podcast: Download (4.2MB)
Eifersucht und Beziehungsstress
„Christina berichtete mir, dass sie ein Typ belästigte. Den Typen kannte ich, und ich wollte ihn fertigmachen. Ich bin am nächsten Tag mit meinem besten Freund in den Skater-Shop gegangen, wo dieser Typ arbeitete. Ich prügelte auf ihn ein und gab ihm zu verstehen, dass er Christina in Ruhe lassen soll. Damit war er einverstanden. Wir reichten uns die Hand.
Ein paar Tage später stritten Christina und ich wegen einer Porno-DVD, die sie bei mir gefunden hatte. Mir ging es an diesem Tag echt dreckig. Sie verstand meinen Zustand leider nicht und schrie die ganze Zeit herum, bis ich ihr eine Ohrfeige verpasste. Sie fiel auf den Boden. Ich entschuldigte mich. Sie trat mit ihren Füßen gegen mich, was mich sehr wütend machte, sodass ich noch ein paar Mal auf sie einschlug. Sie lief raus. Mir war klar, dass damit unsere Beziehung beendet war. Mein Kopf war kaputt. Es tat mir wirklich sehr leid. Auf meine Anrufe reagierte sie nicht. Ich betäubte mich noch mehr mit Heroin und Alkohol.”
Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009
„Man kann einen Heroin-Entzug schwer beschreiben, aber ich fühlte mich, als würde ich sterben. Ich schwitzte und fixte gleichzeitig. Der Schweiß war eiskalt. Der Rücken schmerzte grauenvoll. Die Beine waren schwer wie Blei. Ich musste mich ständig übergeben.
Der Teufelskreis fing bei jedem Entzug wieder von vorne an. Dazu kam, dass ich ständig Stoff verkaufen musste, damit ich Stoff kaufen konnte. Christina konnte mich nicht davon abbringen. Sie fing an, meine Abhängigkeit zu tolerieren. Ich war scham-los. Spritzte Heroin direkt vor ihren Augen. Christina litt und ertrug meine Situation. Außerdem war ich viel, viel netter und lieber zu ihr, wenn ich auf Heroin war. Manchmal gab sie mir sogar Geld, damit ich mir Stoff kaufen konnte.
Ich ging wieder auf Entzug, bin nach zwei Tagen wieder abgehauen. Der Teufels-kreis begann erneut. Obwohl ich ein Junkie war, kleidete ich mich immer gut. Viele erkannten nicht, was mit mir los war. Irgendwann bin ich dann in ein Substitutions-programm gegangen. Ich bekam jeden Tag mein Methadon und später mein „Subu Tex.“ Doch ich verkaufte dieses Zeug, um an Heroin zu kommen. Meine Drogen- und Alkoholabhängigkeit machte mich aggressiv. In Discos war ich immer wieder in Schlägereien verwickelt. Ich machte eine Drogenlangzeittherapie. Dort wurde ich wegen weiteren Rückfällen und Schlägereien frühzeitig entlassen. Natürlich war ich sofort wieder auf Heroin.”
Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009
„Christina sah bald die Einstiche an meinen Armen. Sie war total geschockt und fertig. Sie flehte mich an, aufzuhören. Ich lief nur noch mit langärmeligen Hemden herum. Meine zerstochenen Arme sollte niemand bemerken. Meine Eltern schöpften Verdacht. Es fehlten ständig Löffel. Ich sah immer kaputter aus. Sie ließen mich in Ruhe. Ich denke, sie wollten es nicht wahrhaben, dass ihr Sohn ein „Junkie“ war.
Die Polizei kam wieder ins Haus. Sie stellten mein Zimmer auf den Kopf. Sie fanden zwar kein Heroin, aber genügend Spritzen. Meinen geschockten Eltern versprach ich, eine Entziehungskur zu machen. Dort wurde ich langsam herunterdosiert. Mein Chef hatte Verständnis. Nach drei Wochen war mein Körper komplett „clean“. Im Kopf war ich immer noch total „geil“ auf Heroin. Am Tag meiner Entlassung setzte ich mir den ersten Schuss. Ich war sofort wieder auf der Droge.
Es verschlimmerte sich alles. Ich brauchte immer mehr. Zum erstenmal war ich richtig krass „affig“.”
Aus „Ich gehe meinen Weg – mit Kraft und Mut verändern”, CHANGE Arbeitsbuch 4, PfP, München 2009
Mit dem Wort „Krise” verbinden sich Begriffe wie Dilemma, Klemme, Zuspitzung, Notlage, Gefahr, Schwierigkeit(en), kritischer Punkt, unvorhergesehene Lage.
Wenn wir von einer „Krise” sprechen oder in einer „Krise” stecken, dann beschreiben wir einen Zustand, der sich langfristig, oft unmerklich, aufgebaut hat oder der sich aufbauen konnte, weil die einzelnen der Krise zugrundeliegenden Konflikte mangels von z. B. Urteils- und Einschätzungsvermögen, Klarheit, Mut, Verantwortungsvermögen oder mangels (Selbst-)Zufriedenheit, Bescheidenheit nicht rechtzeitig wahrgenommen und frühzeitig gelöst, sondern vielmehr langfristig vermieden, unterdrückt, ignoriert worden sind.
Gesellschaftlichen und persönlichen Krisen wie Finanzkrisen, Massenarbeitslosigkeit, Kinder- und Jugendkriminalität, schwere Erkrankungen, Ehe- Partnerschaftskrisen liegen unbewältigte Konfliktansammlungen zugrunde. Deshalb haben sie (zunächst) sehr negative Auswirkungen auf den einzelnen, eine Gruppe, ein Land, eine Staatengemeinschaft.
Ist eine Krise ausgebrochen, befinden wir uns in einem Zustand, der auf eine Ent-Scheidung drängt, so oder so. Nicht selten ist dies eine Entscheidung auf Leben und Tod, Auflösung oder totale Verhärtung, die weitere Konflikte und Krisen zur Folge hat.
Andererseits treiben uns Konflikte und Krisen an. Sie versetzen uns in Bewegung, spätestens dann, wenn das Dilemma oder die Gefahr zu eskalieren droht oder bereits eskaliert ist, d. h. eine Rezession, eine schwere Erkrankung ausgebrochen ist, wir unseren Arbeitsplatz oder viel Geld verloren haben, die Ehefrau / der Ehemann davongelaufen oder der Autofahrer gegen einen Baum gerast ist.
Was kann aktuell z. B. eine einfache Krankenschwester mit vier Kindern tun, die sich 8 baufällige Häuser ohne Sicherheiten „aufschwatzen” ließ und jetzt den Ruin ihres Lebens verkraften muss? Was kann ein Facharbeiter tun, der seinen Job mangels globaler Nachfrage verloren hat? Was kann jemand tun, dem seine private Rentenvorsorge zusammengebrochen ist?
Sind wir alle machtlos im persönlichen und globalen Machtkampf unsichtbarer (Trieb-)Kräfte oder können wir gerade in Krisen viel Neues lernen, neue Perspektiven gewinnen und unser Leben sinnvoll(er) gestalten?
Nutzen wir also Krise(n) zum Innehalten, zum Nachdenken, zum Dinge und Personen (auch sich selbst) kritisch zu (über-)prüfen: ernsthaft, sich selbst und andere achtend. Denn leider ist es auch so, dass gerade jetzt manche Organisationen unter dem Deckmantel der Krise Maßnahmen begründen und durchführen, die sonst kaum oder gar nicht erklärt und umgesetzt werden könnten.
Wie sagte Kant bereits: „Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise zu werden.”
Zeit zum Nachdenken verbunden mit einem sonnigen Osterfest wünscht Ihnen,
Ellen M. Zitzmann
| Die Zeitungen sind täglich voll mit Nachrichten über Gewalt. Gewalt begegnet uns auf Schritt und Tritt: in der Schule, auf der Straße, in der Freizeit, bei der Arbeit, in der S-Bahn, auch im eigenen Heim.
Gewalt richtet sich gegen Menschen und Sachen. Viele beklagen, dass die Gewalt ständig anwächst und Gewalttätigkeiten immer brutaler werden. |
Auf den ersten Blick …
… reicht die körperliche Gewalt von brennenden Wangen nach Ohrfeigen über gebrochene Knochen bis zu lebensgefährlichen Verletzungen. Dabei handelt es sich um eine Tat, die zu körperlichen Schädigungen bei anderen führt.
Auf den zweiten Blick …
… ergeben sich Fragen: Ist jede Ohrfeige Ausdruck von körperlicher Gewalt? Kann von Gewalt gesprochen werden, wenn zum Beispiel ein betrunkener Mann daran gehindert wird, Auto zu fahren und der Helfer oder die Helferin von ihm eine Ohrfeige kassiert?
Denke über die beiden Stellungnahmen nach. Schreibe uns deinen Kommentar.
Welche Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hast du schon gemacht?
Artikel vom 11.und 12.3.09 / Teil 3
Was macht einen Menschen zum Gewalttäter, gar zum Massenmörder?
Diese Frage geht derzeit rund um den Globus. Experten benennen zwar bestimmte Risikofaktoren, die einem Amoklauf vorausgehen, geben jedoch gleichzeitig an, dass ein Amoklauf nicht vorauszusagen sei und sie noch lange keinen Gewalttäter ausmachen.
Es sind Risikofaktoren wie
- psychische Erkrankungen (zwischen 2-4 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Depressionen, damit verbunden unter Empfindungsverlust und Schwermütigkeit),
- Schikanen, Demütigungen über einen langen Zeitraum (sprich: Mobbing),
- Vereinsamung, Isolation, Rückzug, Einzelgängertum und
- vorausgegangene versteckte, gleichwohl konkrete Hinweise auf eine Selbsttötung.
Warum vereinsamt ein Mensch, warum zieht sich ein Mensch aus seiner realen Welt zurück?
Weil er vielleicht misshandelt, missbraucht worden ist? Weil er vielleicht emotional vernachlässigt worden ist? … und weil er dadurch vielleicht seine Dialog- und Beziehungsfähigkeit und sein Einfühlungsvermögen verloren hat …
Was macht es darüber hinaus so schwer, eine gewalttätige Tat vorauszukalkulieren?
Nachdem sich ein schrecklicher Vorfall ereignet hat, wird die Handlung rekonstruiert:
- Was war der Plan?
- Welche Motivation(en) lagen der Handlung zugrunde?
- Welche Gründe gab es für die Tat?
- Welche Reaktionen gingen den Gründen voraus?
- Welche Probleme hatte der Täter / die Täterin?
Sicherheitsbehörden, Analysten, Experten reagieren. Ein interdisziplinäres Krisenmanagement wird aktiv, zuweilen hyper-aktiv!
Beim Vorauskalkulieren einer möglichen Tat, gibt es hingegen keinen Vorfall, kein kritisches Ereignis. Es gibt Vermutungen, Anhaltspunkte, Risikofaktoren, Verhaltensauffälligkeiten … und es gibt die Möglichkeit, gefährdete Menschen zu erkennen, sich ihnen zuzuwenden, sie zu unterstützen und sie aufzumuntern – vorausgesetzt Frau / Mann besitzt die notwendige Sensibilität, Kraft und eine Menge Zivilcourage, auf diese Menschen zuzugehen, sie nicht auszugrenzen, mit ihnen ins Gespräch (keinen oberflächlichen Smalltalk) zu kommen und zu ihnen Beziehung aufzubauen.
Ich setze mich seit Jahren für die Prävention ein und seit Jahren setze ich mich mit gefährdeten Jugendlichen, vor allem mit Jungen und jungen Männern auseinander, erfahre etwas aus ihrem Leben, ihren Verletzungen, ihren Träumen, ihren Ängsten, ihren Talenten, ihren Fähigkeiten.
Sie öffnen sich mir, weil ich mich ihnen öffne!
Sie sprechen mit mir, weil ich mit ihnen spreche!
Sie hören mir zu, weil ich ihnen zuhöre und mir alles anhöre, auch das, was mitunter schwer zu ertragen ist!
Nur so, lassen sich emotionale Probleme aufarbeiten, die eine mögliche extreme Handlung verursachen können.
Prävention ist ein mühevoller Weg, doch Prävention ist ein menschlicher Weg und er ist, für mich, der einzig richtige Weg!
Ellen M. Zitzmann, Vorsitzende, Power for Peace e.V. München



