“Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” (Max Frisch)
Denn dann bietet sie die Möglichkeit, sich bewußt Veränderungen zu öffnen und neue Herausforderungen anzunehmen. Das Leben verläuft in Wellenbewegungen: Nach jedem Tief, nach jeder Krise, kommen immer wieder bessere, gute Zeiten.
zum Teil 1 der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck
zum Teil 2 der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck
zum Teil 1 der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck
Klingenbeck, von Recklinghausen und Haberl, wurden wegen landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Schwarzsendens als einzige zum Tode verurteilt. Die anderen Komplizen erhielten Gefängnisstrafen. In der Begründung für die Todesurteile hieß es, die Aktivitäten der Angeklagten hätten dazu beigetragen, „die innere Front zu lähmen“. „Wer in der Notzeit des Krieges in dieser verbrecherischen Weise seinem Volk in den Rücken fällt, ist ein Verräter und hat keinen Platz mehr in der deutschen Volksgemeinschaft.“
Elf Monate verbrachten die drei Todeskandidaten im Gefängnis München-Stadelheim. Am 2. August 1943 waren Daniel von Recklinghausen und Hans Haberl zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt worden.
Walter Klingenbeck wurde hingegen drei Tage später, am 5. August 1943 um 17 Uhr hingerichtet. Er ging sehr gefaßt in den Tod, mit dem er wohl schon nach seiner Festnahme gerechnet hatte. Davon zeugen auch die Abschiedsbriefe an seine Freunde. An Hans Haberl schrieb er: „Lieber Johnny! Vorhin habe ich von deiner Begnadigung erfahren. Gratuliere. Mein Gesuch ist allerdings abgelehnt. Ergo geht’s dahin. Nimm’s net tragisch. Du bist ja durch. Das ist schon viel wert. Ich habe soeben die Sakramente empfangen und bin jetzt ganz gefaßt. Wenn du etwas für mich tun willst, bete ein paar Vaterunser. Lebe wohl. Walter.“ In einem weiteren, ähnlich gehaltenen Brief an seinen Freund Max Müller schrieb er: „Ich weiß, wofür ich mein Leben lasse.“
Klingenbecks Gefährten blieben bis zum Kriegsende in Haft. Hans Haberl ließ die Radioleidenschaft auch dort nicht los. Es gelang ihm mit eingeschmuggelten Materialien 1944 einen Kleinstempfänger vor der Größe einer Streichholzschachtel zu bauen. Auf diese Weise durchbrach er für sich und seine Mitgefangenen die Isolation von der Außenwelt.
Die Verhandlung gegen Klingenbeck und seine Mitangeklagten der Vizepräsident des Volksgerichtshofs, Karl Engert, geleitet. Er war ein fanatischer Nationalsozialist der ersten Stunde. 1933 begann sein Aufstieg mit der Berufung als Ministerialrat ins bayerische Justizministerium. Zum Volksgerichtshof kam er 1936. 1938 wurde er dessen Vizepräsident. 1942 stieg er zum Ministerialdirektor im Reichsjustizministerium auf. Nach seiner Auffassung mussten Ankläger und Richter am Volksgerichtshof „in erster Linie Politiker und dann erst Richter“ sein. So hatte der Vater von zwei Töchtern gemäß seiner Devise: „Heil dem Führer“, keine Hemmungen, auch Jugendliche in den Tod zu schicken.
(aus „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 1998“, Bezirksausschuss Maxvorstadt: Jürgen Zarusky „… nur eine Wachstumskrankheit?“, Jugendwiderstand in Hamburg und München. Dachauer Blätter 1991, S. 210-229.)
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Dass ihr Unterfangen gefährlich war, war den Jugendlichen bewusst. Klingenbeck erzählte seinen Freunden, er sei bereit, bei einer eventuellen Festnahme Gestapobeamte „umzulegen“. Zu diesem Zwecke wollte er sein Zimmer mit einer Starkstromleitung sichern.
Doch Walter hatte offenbar falsche Vorstellungen darüber, woher die Gefahr drohte. Der Geschäftsführerin Clara Dietmayer, bei der er aushilfsweise arbeitete, erklärte Walter gegenüber und während einer Radioübertragung von Hitlers Rede zur Eröffnung des Winterhilfswerks: „Der soll sein Maul nicht so voll nehmen und lieber an seinen siegreichen Rückzug denken.“ Dabei waren noch weitere Personen anwesend. Besonders leichtsinnig aber war, dass Klingenbeck einem Freund von Clara D. erzählte, er habe vor der SS-Kaserne in München-Freimann ein „V“ angemalt und am nächsten Morgen zugesehen, wie es wieder weggewaschen worden sei. Clara D. wurde von ihrem Freund daraufhin unterrichtet. Sie denunzierte Walter Klingenbeck bei der Gestapo. Walter Klingenbeck wurde am 26. Januar 1942 festgenommen.
Bei der Durchsuchung von Walters Wohnung wurden Radiobauteile gefunden, die ihn in den Verdacht des Schwarzsendens brachten. Klingenbeck versuchte sich zunächst darauf hinauszureden, er habe die V-Zeichen als Symbole für den deutschen Sieg gemeint. Der vernehmende Kriminalkommissar, Krüger, glaubte ihm jedoch nicht, zumal er auch aus seiner katholischen Einstellung keinen Hehl machte. Die Gestapo nahm schließlich auch Daniel von Recklinghausen, Hans Haberl und andere Bekannte fest.
Die Ermittlungen dauerten etwas mehr als zwei Wochen. Bis ihr Prozess stattfand, waren die Jugendlichen jedoch fast acht Monate lang in Untersuchungshaft im Münchner Gefängnis am Neudeck, wo Klingenbeck und sein Freund ihren 18. Geburtstag erlebten. Klingenbeck nahm die ganze Verantwortung auf sich und hatte auch Gelegenheit, seine Kameraden entsprechend zu informieren.
Am 24. September 1942 verhandelte der zweite Senat des Volksgerichtshofes in München über den Fall Klingenbeck und andere. Die Verhandlung dauerte einen Tag. Die Angeklagten wurden angebrüllt und als Lausbuben und Rotzjungen beschimpft.
Klingenbecks Freunde hatte den damaligen „Staranwalt“ Dr. Lorenz Roder als Verteidiger, der 1924 Hitler in seinem Hochverratsprozess wegen des Putschversuches vom 9. November 1923 verteidigt hatte.
Ihn hatten die Eltern von Daniel von Recklinghausen gewinnen können. Roder hatte allerdings zu kämpfen. Sein enthusiastischer Appell: „Das Reich ist groß und mächtig. Es kann auch Gerechtigkeit üben und sollte die kleinen Leute nur gering bestrafen“, machte auf die Richter wenig Eindruck.
Der 4. und letzte Teil erscheint am 03.03.2009
zum Teil 1 der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck
Walter genügte jedoch das Abhören und Weitererzählen der Meldungen bald nicht mehr. Den Anstoß zu einer ersten eigenständigen Aktion bekam er durch die von BBC initiierte „V-Kampagne“. Die Aktion forderte ab Januar 1941 alle Zuhörerinnen und Zuhörer auf, wo immer möglich, den Buchstaben „V“ anzubringen. „V“ stand für „Vicoire“ oder „Victory“ und was als Zeichen der Siegesgewißheit des Westalliierten gedacht.
Die Aktion hatte ein beachtliches Echo und das NS-Regime versuchte, das Symbol für sich zu gewinnen, was missglückte. Walter Klingenbeck hingegen überlegte sich eine eigene Aktion. Zusammen mit seinen Freunden machte er sich an einem Samstagabend auf den Weg in den vornehmen Münchner Stadtteil Bogenhausen. Dort brachte er an mehreren Stellen mit Pinsel und Lackfarbe V-Zeichen an, während Daniel und Hans Wache standen. Sehr wahrscheinlich war dies nicht die einzige derartige Aktion der beiden.
Walter hatte aber noch andere Pläne, die jedoch nicht verwirklicht worden sind. wollte Flugblätter mit dem Motto „Hitler kann den Krieg nie gewinnen, er kann ihn nur verlängern“, produzieren und verbreiten. In einer weiteren Flugschrift wollte er das Gerücht verbreiten, Goebbels hätte die Tänzerin La Jana in den Selbstmord getrieben. Sie wollten diese Schriften von einem ferngelenkten Modellflugzeug abwerfen.
Weiter gedieh hingegen ein Vorhaben, dass mit der technischen Leidenschaft von Walter und seinen Freunden eng verknüpft war. Klingenbeck richtete einen eigenen Schwarzsender ein, in dem die abgehörten Meldungen von ausländischen Sendern weiterverbreitet werden sollten. Geplant waren auch Sendungen in französischer und italienischer Sprache. Der Sender sollte „Rotterdam“ heißen.
Gemeinsam machten sie in der zweiten Jahreshälfte 1941 diverse Sendeversuche.
Teil 3 der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck erscheint am 26.02.2009
Walter Klingenbeck wurde am 30. März 1924 in München als Sohn eines Straßenbahnschaffners geboren. Walter gehörte in der Pfarrgemeinde Sankt Ludwig der katholischen Jungschar an, in der die 10-14Jährigen organisiert waren. Auf Druck der Reichsjugendführer wurde Klingenbecks Jungschargruppe aufgelöst und dem Jungvolk der Hitlerjugend eingegliedert.
Für Walter war dies ein Schlüsselerlebnis und er ließ sich nicht beirren, weiterhin die im Dritten Reich verbotenen ausländischen Sender anzuhören. Neben Radio Vatikan entdeckte Klingenbeck auch noch die Sendungen des deutschen Dienstes der BBC.
Das Radio war für Walter Klingenbeck nicht nur die Möglichkeit, das Informationsmonopol des NS-Staates zu unterlaufen, ihn faszinierte auch das technische Medium des Rundfunks. Im kleinbürgerlichen, streng katholischen Milieu wuchs Walter Klingenbeck heran. Er begann eine Mechanikerlehre bei der Firma Rohde und Schwarz wo er seine späteren Freunde und Weggefährten, Daniel von Recklinghausen und Hans Haberl, kennenlernte.
Ungefähr seit dem Frühjahr 1941 begann Klingenbeck, Haberl von den abgehörten Sendungen zu erzählen. „Klingenbeck vertrat dabei in Übereinstimmung mit der feindlichen Kriegspropaganda den Standpunkt, dass Deutschland den Krieg verlieren wird, und der Sieg der Feindmächte zu einer Besserung der Verhältnisse im Reich führen werde, da sich der Krieg nicht gegen das deutsche Volk, sondern nur gegen seine Führung richte“, wie es später in der Anklageschrift zu lesen war.
Walter lud schließlich seine Freunde zu sich nach Hause ein, um mit ihnen gemeinsam die verbotenen ausländischen Sender abzuhören. Hans Haberl hatte daraufhin auf eigene Faust begonnen, „Feindsender“ abzuhören.
Der nächste Teil der Lebensgeschichte von Walter Klingenbeck erscheint am 19.02.2009
Interview anlässlich der Vereinsgründung vom September 1995
Produktion: Radio Nürnberg
(c) Power for Peace e. V. München, 1995
Podcast: Download (5.7MB)



