Willkommen auf » 2009 » Mai

Die beschriebenen Risikofaktoren in den vorhergehenden Artikeln heißen nicht, dass Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien und alle anderen Betroffenen das unabwendbare Schicksal erfahren, selbst suchtkrank und / oder verhaltensauffällig zu werden.

Prävention und konkrete Hilfen sind frühzeitig einzusetzen.

1.      Aufklärung über Risikofaktoren und Gefährdungen

Ohne Wissen haben präventive Maßnahmen und intervenierende Aktionen keine  ausreichende Substanz.

2.     Betroffene Kinder und Jugendliche wahrnehmen, d. h. sie über typische Rollenmuster informieren und ihnen die Erlaubnis erteilen, Kritik zu äußern und über Kritisches zu berichten. Offenheit gegenüber allem, was die Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf ihre persönliche Geschichte mitbringen.

3.     Selbstwert stärken

Du bist jemand und du bist viel wert! Alles stärken was in Richtung „Selber Leben“ geht: „Etwas Positives, das du selbst geschaffen hast, macht dich glücklicher / zufriedener als jeder Rausch! Und wenn du etwas Schlechtes erfolgreich und ohne „chemische Krücke“ ertragen hast, dann kannst du mit Recht auf dich stolz sein!“

4.      Unterstützung bei der Lebensbewältigung

Hilfe bei der Aufarbeitung von Entwicklungsdefiziten. Erweiterung der Bewältigungsmöglichkeiten durch vielfältige Angebote. Erweiterung der eigenen Kompetenzen und des Blickwinkels. Heraustreten aus der „Komfortzone“ der Co-Abhängigkeit.

5.     Zur Sucht-Vorbeugung gehören

·       Erkennen eigener Stärken und Schwächen

·       Konstruktiver Umgang mit Konfliktsituationen

·       Aufbau einer Kommunikations- und Streitkultur

·       ICH-Stabilität

·       Freude am Leben / Lebensbalance

 

 

 

Nicht nur die Tat war schwer zu ertragen, auch viele Presseberichte zu Winnenden hatten die Grenze zur Geschmacklosigkeit weit überschritten. Statt der gebotenen Rücksicht auf die Opfer und statt sachlicher Darstellung und Problemanalyse wurde viel zu oft sensationsheischend berichtet. Nun hat sich der Deutsche Presserat damit auseinandergesetzt:

Der Presserat hat sich auf seinen Beschwerdeausschuss-Sitzungen am 19. und 20. Mai mit der Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden auseinandergesetzt und 13 Verstöße gegen den Pressekodex geahndet. In den meisten Fällen wurden die Ziffer 8 (Persönlichkeitsrechte) und die Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) verletzt. Der Presserat sprach zwei öffentliche und eine nicht-öffentliche Rüge aus, fünf Missbilligungen und fünf Hinweise.

Quelle:  Pressemitteilung des Deutschen Presserates

Der aus der Ukraine stammende Denys berichtet über seine Lernerfahrungen und Einsichten im Verlauf des Kompetenztrainings CHANGE an der JVA Laufen-Lebenau. Der 17-Jährige denkt u. a. über seine (Lebens-)Ziele und Eigenschaften nach und auch darüber wie er seine Lieblingseigenschaft der Risikobereitschaft für sich und andere positiv anwenden kann.

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

Jugendlicher Absolvent: Denys
(c) Power for Peace e. V. München, 2008

Kinder aus Alkoholiker-Familien

 Risiken für co-abhängige Kinder und Jugendliche

·       Sie sind sehr stark gefordert, oft überfordert: Geschwister müssen versorgt, die Mutter / der Vater getröstet werden.

·       Zuhause herrscht ein Klima der „angespannten Ruhe“. Streitereien und Peinlichkeiten werden erlebt.

·       Gefühle von Sicherheit, Zuverlässigkeit und Geborgenheit gehen verloren.

·       Die Sucht des Elternteils besetzt einen derart großen Raum, dass für kaum etwas anderes Platz bleibt.

·       Ängste und Verwirrtheiten vergrößern sich im Laufe der Zeit.

·       Der co-abhängige Elternteil ist durch die Krankheit und die Veränderung des (Ehe-)Partners verunsichert, verwirrt und überfordert. Er / Sie kann die Balance der Familie nicht sichern.

Kinder und Jugendliche entwickeln in diesem System Entwicklungs- und Bindungsstörungen, ihre Identitätsfindung ist erschwert:

·       Sie tun sich schwer mit mitmenschlichen Beziehungen. Tendieren dazu, sich zu isolieren.

·       Sie stehen im Wiederholungszwang und suchen sich Umfelder und / oder Partner, in denen Alkohol konsumiert wird oder es bereits Alkohol-Probleme gibt.

·       Sie erleiden Beeinträchtigungen in Schule, Beruf, Freund- und Partnerschaften.

·       Sie haben ein erhöhtes Suchtrisiko.

Rollen bzw. Überlebensstrategien von Kindern und Jugendlichen

Es gibt typische und oft eingenommene Rollen von Kindern / Jugendlichen und den betroffenen Familienmitgliedern. Die Aufklärung hierüber ist eine Grundbedingung für das „In-Gang-Setzen“ des Heilungs- und Gesundungsprozesses.

1.      Held / Heldin oder „die kleine „Mutter / der kleine Vater“

Tut immer das Richtige, leistungsorientiert, überverantwortlich. Braucht Zustimmung und   Anerkennung von anderen. Kann keinen Spaß empfinden. Kann Fehler und Misserfolg nicht  ertragen …

Kompetent, organisiert, erfolgreich, verantwortungsbewusst, gut in Leistungspositionen, zielbewusst …

 Gefühlsleben: Schmerz- und Schuldgefühle. Fühlt sich unzulänglich. Furcht, dass sie /er  niemals genügen kann.

 Vorteile: Positive Aufmerksamkeit. Versorgt die Familie mit Selbstwert. Ist das Kind, worauf  die Familie stolz ist.

 Entwicklung: Workaholic. Starkes Bedürfnis zu kontrollieren und zu manipulieren. Kann nicht Nein sagen. Tendenz, sich mit (sucht-)abhängigen Partnern zu verbinden.

2.      Sündenbock

Zurückgezogen, verdrossen, macht Ärger auf der ganzen Linie … Mutig, kann unter Belastung arbeiten. Erkennt Realität und geht Risiken ein …

Gefühlsleben: Schmerzgefühl zurückgewiesen und verlassen zu sein. Wut und Aggressivität. Fühlt sich unzulänglich. Selbstwertprobleme.

 Vorteile: Steht im Zentrum der negativen Aufmerksamkeit. Lenkt ab von suchtkrankem Elternteil.

 Entwicklung: Suchtkrankheit, Delinquenz, Teenager-Schwangerschaft, Schwierigkeiten überall.

3.      Verlorenes Kind

Einzelgänger/in, Tagträumer/in, einsam. Belohnt sich auch allein z. B. mit Essen. „Driftet und  schwimmt“ durchs Leben“. Ruhig, scheu, wird übersehen und nicht vermisst …

Unabhängig von der Meinung anderer, kreativ, phantasievoll, erfinderisch, kann sich behaupten …

 Gefühlsleben: Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Darf keine Gefühle haben. Einsamkeit. Verlassenheit. Gibt sich von vorneherein geschlagen.

 Vorteile: Entkommt jeglicher Aufmerksamkeit. Hat seine Ruhe: „Wenigstens ein Kind, das keine Schwierigkeiten macht“.

 Entwicklung: Unentschiedenheit, keine Lebensfreude, Beziehungsstörungen: Promiskuität  oder Isolation. Kann nicht Nein sagen. Kann keine Veränderungen eingehen.

4.      Maskottchen

Übermäßig niedlich, still, nett, unreif, ängstlich. Tut alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Witzig, geistreich, humorvoll, einfühlsam und hilfsbereit …

Gefühlsleben: Selbstwertprobleme. Angst. Gefühl der Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit

 Vorteile: Erhält Aufmerksamkeit, weil es andere amüsiert. Schafft mit Komik Erleichterung und  Entspannung.

 Entwicklung: Zwanghafte Clownerien, kann Stress nicht ertragen. Hysterisch. Sucht Held / Heldin als Partner/in.

In diesem bemerkenswerten Interview schildert Alex, 18,seine Lernerfahrungen und Einsichten im Laufe des Kompetenztrainings CHANGE. Der Deutsch-Russe beschreibt sein bisheriges Leben, reflektiert über seine gegenwärtige Situation und schmiedet Pläne für seine Zukunft. Seine Haftzeit nutzte Alex, um seinen Hauptschulabschluss zu machen und sich weiter zu qualifizieren. Während des Trainings lernte er, blockierende und menschenfeindliche Einstellungen zu verändern und sich anderen Kulturen und Religionen zu öffnen. Seine offenen und ehrlichen Worte bewegen.

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008

(Co-)Alkoholismus und Kinder aus Alkoholikerfamilien

Co-Abhängigkeit oder Co-Alkolholism

Co-Abhängige verhalten sich im Umgang mit anderen Menschen zunehmend „komischer“, weil sie in enger Beziehung zu einem (Alkohol-)Süchtigen / einer (Alkohol-)Süchtigen stehen. Sie bleiben bemerkenswert lange in ihrer Rolle, selbst wenn sich der eigene Verfall und Zusammenbruch schon klar abzeichnet.

 Co-Abhängige gehen durch drei Phasen:

1.      Beschützer- und Erklärungsphase:

Es wird nicht darüber gesprochen, was in der Familie vor sich geht. Weder reden die  Familienmitglieder untereinander, noch spricht man sich mit Außenstehenden aus. In         der  Familie herrscht das Klima des „beredten Schweigens“, worunter der alkoholkranke  Mensch leidet. Seine Schuld- und Schamgefühle nehmen zu.

2.      Kontrollphase:

Die Versuche, zu erklären und zu beschützen erfahren Grenzen oder brechen zusammen. In der Familie / Gemeinschaft herrscht ein stummer Kampf um „die Flasche“. In       dieser Phase  erfährt der Alkoholiker / die Alkoholikerin seine / ihre Unselbstständigkeit. Der Alkoholkonsum wird gesteigert.

3.      Anklagephase:

Vorwürfe und Schuldzuweisungen an den „saufenden Sündenbock“ nehmen zu. Co- Abhängige nehmen in diesem Prozess Schaden. Das allzulange Ausharren und „Nicht-an-sich-selbst-denken“ ermöglicht es dem Trinker / der Trinkerin weiterzutrinken.

Der (Ehe-)Partner / Die (Ehe-)Partnerin

Die Ehepartner von alkoholabhängigen Menschen sind in einer sehr schwierigen und angespannten Situation. In allen Fällen, in denen keine schnelle Trennung erfolgte, tritt ein zunehmend co-alkoholisches Verhalten auf, das sich mit den Jahren verfestigt. Hilfen sind:

·       Informationen über Alkoholismus

·       Räumliche Trennung (temporärer Hinauswurf des Kranken aus der Wohnung, räumliche Trennung innerhalb der Wohnung, innere Distanz)

·       Professionelle Beratung: Seelenschmerz loswerden, authentisch und ehrlich!

Teil 4 erscheint am 25.5.2009

In dem Interview mit dem 16-jährigen Kosovo-Albaner, Valdrin, werden Themen rund um Multi-Kulturalität und Vielfalt besprochen. Es werden Haltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen diskutiert und hinterfragt, die aktuelle Herausforderungen einer multi-kulturellen Gesellschaft aufzeigen und verdeutlichen.

 

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Programms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008

Zur Situation des Alkoholikers

Er / Sie wird im Krankheitsverlauf zu einem einsamen Menschen. Nach und nach entsteht ein immer größerer Abstand zu den Mitmenschen, weil weder Zeit noch Lust vorhanden sind, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen. Der Abhängige weiß häufig, dass er sich hier oder dort daneben be-nommen und „dummes Zeug“ geredet hat. Infolgedessen wird er / sie zukünftigen Konfliktsituationen aus dem Weg gehen. Eine Isolation entsteht in diesem Kreislauf praktisch immer, auch deswegen, da Alkoholiker dazu neigen, ihre Krankheit zu vertuschen.

 Sucht-Krankheit

Jede „Sucht“ benötigt einige Jahre, bis sich erhebliche Verhaltensdefizite zeigen. So leben viele Alkoholiker immer noch in Familien, die meist in „besseren Zeiten“ gegründet worden sind. Die Ehen und Familien bleiben häufig erstaunlich lange (nach außen hin) stabil. Grund hierfür ist, dass der gesunde (Ehe-)Partner die Ehe und Familie sehr lange aufrecht zu erhalten versucht. Er / Sie versucht dem alkoholkranken Partner auf ungeeignete Weise zu helfen, in dem er / sie den Kranken zu schützen und zu decken versucht.

 In diesem Prozess nehmen alle Betroffenen seelischen und körperlichen Schaden.

 SUCHT beinhaltet das Suchen und die Sehnsucht nach einem erfüllten und sinnvollen Leben. Es ist ein Siechtum oder ein „Suizid auf Raten“.

Genetische und soziale Faktoren (Herkunftsfamilie, falsche Lernerfahrungen) spielen eine Rolle. Darüber hinaus das Alter, nicht-bewältigte Krisen (Eltern-Kind-Konflikte, Partnerschaftsprobleme), labile Psyche (sexuelle Ängste, Depressionen, Schwierigkeiten mit Gefühlen umzugehen), Kommunikationsprobleme, Geschlecht (Männer sind gefährdeter als Frauen).

Persönliches Ziel des Süchtigen:

Zustand zufriedener Abstinenz und ein erfülltes, sinnvolles Leben.

 Teil 3 erscheint am 20.5.2009

Alex H., 18, berichtet über seine Haftzeit und wie er diese nutzt, um sich auf das Leben draußen und ein Leben ohne Gewalt vorzubereiten. Er erzählt von Beziehungen, der Vergangenheit, von (Lebens-)Zielen, Wünschen und Hoffnungen. Er denkt über das intensive Trainingsprogramm CHANGE nach, seinen Höhen und Tiefen. Alex hat durchgehalten. Prima!

 

Interview von Ellen M. Zitzmann mit einem jugendlichen Absolventen des CHANGE Kompetenzprogramms an der JVA Laufen-Lebenau am 14.12.2008

(c) Power for Peace e. V. München, 2008

Wenn ein Vater / eine Mutter alkoholkrank ist, sind davon sowohl der / die (Ehe-)Partner/in, die Kinder als auch Verwandte, Kollegen, Freunde betroffen. Betroffen, weil sie in dem System Verhaltensmuster annehmen bzw. übernehmen, die dem Bereich „krankhaft“ zuzuordnen sind. Je länger Menschen in einem „kranken System“ verfangen sind, desto tiefere Schäden können sie davontragen.

 Deshalb haben alle Betroffenen, vor allen Dingen Kinder und Jugendliche, ein Recht darauf, sachlich korrekt über Risiken und Gefahren von Suchtmitteln und über individuelle Gefährdungen aufgeklärt zu werden. Denn präventive Maßnahmen haben ohne Wissen über Gefahren / Risiken weder Sinn noch Wirkung!

 Kinder und Jugendliche sind Opfer in mehrfacher Hinsicht:

1.     Sie erhalten keine Informationen über eventuelle Folgeschädigungen und verhalten sich so, dass sich der Alkoholiker / die Alkoholikerin nicht verändert.

2.     Sie sind körperlich unterlegen und rechtlich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt.

3.     Das Thema Alkohol / Alkoholismus wird innerhalb der Familie tabuisiert.

4.     Kinder erhalten keine Informationen über hilfreiches Verhalten.

5.     Sie haben Hemmungen, sich anderen Menschen anzuvertrauen.

6.     Sie werden mit (Ehe-)Problemen ihrer Eltern konfrontiert, die sie extrem (über-)belasten.

Teil 2 erscheint am 15.05.09