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Amoklauf an der Realschule Winnenden (3)

Artikel vom 11.und 12.3.09 / Teil 3

Was macht einen Menschen zum Gewalttäter, gar zum Massenmörder?

Diese Frage geht derzeit rund um den Globus. Experten benennen zwar bestimmte Risikofaktoren, die einem Amoklauf vorausgehen, geben jedoch gleichzeitig an, dass ein Amoklauf nicht vorauszusagen sei und sie noch lange keinen Gewalttäter ausmachen.

Es sind Risikofaktoren wie

  • psychische Erkrankungen (zwischen 2-4 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Depressionen, damit verbunden unter Empfindungsverlust und Schwermütigkeit),
  • Schikanen, Demütigungen über einen langen Zeitraum (sprich: Mobbing),
  • Vereinsamung, Isolation, Rückzug, Einzelgängertum und
  • vorausgegangene versteckte, gleichwohl konkrete Hinweise auf eine Selbsttötung.

Warum vereinsamt ein Mensch, warum zieht sich ein Mensch aus seiner realen Welt zurück?

Weil er vielleicht misshandelt, missbraucht worden ist?  Weil er vielleicht emotional vernachlässigt worden ist? … und weil er dadurch vielleicht seine Dialog- und Beziehungsfähigkeit und sein Einfühlungsvermögen verloren hat …

Was macht es darüber hinaus so schwer, eine gewalttätige Tat vorauszukalkulieren?

Nachdem sich ein schrecklicher Vorfall ereignet hat, wird die Handlung rekonstruiert:

  • Was war der Plan?
  • Welche Motivation(en) lagen der Handlung zugrunde?
  • Welche Gründe gab es für die Tat?
  • Welche Reaktionen gingen den Gründen voraus?
  • Welche Probleme hatte der Täter / die Täterin?

Sicherheitsbehörden, Analysten, Experten reagieren. Ein interdisziplinäres Krisenmanagement wird aktiv, zuweilen hyper-aktiv!

Beim Vorauskalkulieren einer möglichen Tat, gibt es hingegen keinen Vorfall, kein kritisches Ereignis. Es gibt Vermutungen, Anhaltspunkte, Risikofaktoren, Verhaltensauffälligkeiten … und es gibt die Möglichkeit, gefährdete Menschen zu erkennen, sich ihnen zuzuwenden, sie zu unterstützen und sie aufzumuntern – vorausgesetzt Frau / Mann besitzt die notwendige Sensibilität, Kraft und eine Menge Zivilcourage, auf diese Menschen zuzugehen, sie nicht auszugrenzen, mit ihnen ins Gespräch (keinen oberflächlichen Smalltalk) zu kommen und zu ihnen Beziehung aufzubauen.

Ich setze mich seit Jahren für die Prävention ein und seit Jahren setze ich mich mit gefährdeten Jugendlichen, vor allem mit Jungen und jungen Männern auseinander, erfahre etwas aus ihrem Leben, ihren Verletzungen, ihren Träumen, ihren Ängsten, ihren Talenten, ihren Fähigkeiten.

Sie öffnen sich mir, weil ich mich ihnen öffne!

Sie sprechen mit mir, weil ich mit ihnen spreche!

Sie hören mir zu, weil ich ihnen zuhöre und mir alles anhöre, auch das, was mitunter schwer zu ertragen ist!

Nur so, lassen sich emotionale Probleme aufarbeiten, die eine mögliche extreme Handlung verursachen können.

Prävention ist ein mühevoller Weg, doch Prävention ist ein menschlicher Weg und er ist, für mich, der einzig richtige Weg!

Ellen M. Zitzmann, Vorsitzende, Power for Peace e.V. München


5 Kommentare




  1. Nur, dass diese Art Prävention – professionell betrieben – richtig was kostet und kaum gefragt ist; ergänzend wäre etwas mehr Sensibilität in den Institutionen und bei der Presse auch nicht schlecht.

  2. Ellen M. Zitzmann




    Lieber Herr Baumgardt,

    vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Da ich auch im Krisenmanagement beschäftigt bin, weiß ich, dass Kriseneinsätze sehr viel Geld kosten und immer kostenintensiver sind als präventive Maßnahmen.

    Es gilt also weiterhin, sich für die Prävention einzusetzen, oder nicht?

    Gruß, Ellen M. Zitzmann

  3. Sönke Noldt




    Prävention macht auf jeden Fall Sinn (wie in vielen anderen Bereichen, z.B. Gesundheitsvorsorge), es ist nur schwer zu “berechnen”, wieviel Konflikte (Katastrophen, Krankheit, …) und damit ja auch Gelder dadurch eingespart werden.
    Der Mensch verschließt lieber die Augen und hofft, dass nichts passiert.
    Ein Amoklauf ist wohl selten vorhersehbar, aber manche Gewalttat kann sicher verhindert werden, wenn man auf z.B. Jugendliche zugeht und versucht, Ihnen zu helfen …

  4. Roland Böckle




    Zwei Dinge werden in der Diskussion nicht genügend berücksichtigt: “Erziehung zu Verantwortung” und “Erziehung zu ethischem Verhalten”. Ethik setzt Toleranz in dem Sinn voraus, dass ich begreife, dass die Haltungen jedes Menschen auf andere Weise zustande gekommen sind und dass niemand das Recht hat, sein Zustandegekommensein als Maßstab bei anderen einzufordern. Andererseits darf kein Mensch einem anderen Menschen etwas antun, was er für sich selbst nicht wünschen würde. (“Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.”) Eigentlich hat dies bereits Kant mit seinem kategorischen Imperativ ganz klar formuliert.
    Nach meiner Meinung sind hier Eltern und Schule viel mehr gefordert.

    Roland Böckle, Wien

  5. Roland Böckle




    Ellen Zitzmann hat mich gebeten ganauer auszuführen, was Eltern und Schule tun könnten. Ich will es versuchen:

    Viele Jugendliche meinen, es sei wichtig, eine eigene Meinung zu haben. Dies ist aber nur der erste Teil einer richtigen Forderung. Der zweite Teil lautet: Die eigene Meinung muss ständig überprüft werden. Dazu braucht es ethischer Kriterien. Die wachsen aber in den Kindern und Jugendlichen nicht von allein heran; sie müssen vermittelt und – besser noch – vorgelebt werden. Diese Art von Prävention bedeutet für Eltern und Erzieher eine ständige Arbeit an sich selbst. Da aber niemand vollkommen sein kann, gehört zur Vorbildwirkung auch das ehrliche Eingeständnis, dass jedermann an der Erreichung seiner Ideale scheitern kann. Dadurch gewinnt man Glaubwürdigkeit.

    Was ich hier darstelle, ist der Kern echter Präventation – und kostet kein Geld, sondern nur Kraft.

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